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Coast FIRE: Wann du aufhören kannst zu sparen

Coast FIRE bedeutet: genug investiert, um aufzuhören zu sparen. Mit Formel, drei Beispielrechnungen und dem Haken, den die meisten übersehen.

RJ
von Redaktion JK/DT

Tobias ist 35 Jahre alt, hat 150.000 Euro in ETFs investiert und spart jeden Monat 800 Euro. Er fragt sich: Muss er das wirklich noch jahrzehntelang durchziehen, oder hat er den Punkt schon erreicht, an dem sein Vermögen von allein groß genug wird?

Diese Frage hat einen Namen: Coast FIRE. Der Begriff stammt aus der englischsprachigen Finanzwelt und beschreibt einen einfachen Gedanken: Du hast genug investiert, damit dein vorhandenes Vermögen allein durch Zinseszins bis zum Ruhestand auf die Zielsumme wächst — ganz ohne weitere Sparraten.

Du musst zwar weiter arbeiten, um deine laufenden Ausgaben zu decken. Aber für die Altersvorsorge musst du nichts mehr zurücklegen. Das Vermögen „coastet“, also gleitet, von allein ins Ziel.

Das klingt verlockend einfach. Und genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick. Denn die populäre Coast-FIRE-Rechnung beruht auf einer Annahme, die über 30 Jahre extrem hebelwirksam ist — und die niemand garantieren kann.

Dieser Artikel ist keine Anlageberatung und keine Steuerberatung. Die Beispielrechnungen dienen der Veranschaulichung und sind keine Empfehlung für oder gegen ein konkretes Produkt oder eine konkrete Strategie. Renditeannahmen sind Annahmen, keine Garantien.

Kurz erklärt: Coast FIRE bezeichnet den Punkt, an dem dein bereits investiertes Vermögen ausreicht, um bis zum Ruhestand allein durch Zinseszins auf dein Zielvermögen zu wachsen — ohne weitere Sparraten. Du arbeitest weiter für die laufenden Kosten, aber nicht mehr für die Altersvorsorge. Die Schwelle hängt stark von der angenommenen Rendite ab und ist deshalb eher ein Wahrscheinlichkeitsbereich als eine feste Zahl.

Was Coast FIRE wirklich bedeutet

Der Kern von Coast FIRE ist eine Entkopplung. Normalerweise verbinden wir zwei Dinge: arbeiten, um heute zu leben, und sparen, um morgen abgesichert zu sein. Coast FIRE trennt diese beiden.

Wer den Coast-FIRE-Punkt erreicht hat, muss weiterhin Geld verdienen, um Miete, Essen und Alltag zu bezahlen. Aber der Teil des Einkommens, der bisher in die Altersvorsorge floss, wird frei. Die Altersvorsorge ist sozusagen schon „fertig finanziert“ — sie braucht nur noch Zeit.

Das unterscheidet Coast FIRE von der klassischen finanziellen Freiheit. Bei vollständiger finanzieller Freiheit deckt das Vermögen die gesamten Lebenshaltungskosten, und Arbeit wird optional. Bei Coast FIRE ist nur die spätere Altersvorsorge rechnerisch abgedeckt. Du arbeitest weiter, aber freier — weil der Sparzwang wegfällt.

Es gibt verwandte Begriffe aus derselben englischsprachigen Szene, etwa Lean FIRE oder Barista FIRE. Sie beschreiben unterschiedliche Grade und Mischformen von Teilfreiheit. Für diesen Artikel sind sie nicht entscheidend. Coast FIRE ist die nüchternste und für viele Erwerbstätige realistischste Variante, weil sie kein vollständiges Aussteigen verlangt, sondern nur das Ende des Sparzwangs.

Der praktische Reiz ist groß. Wer früh konsequent gespart hat, kann mit Mitte oder Ende 30 an einen Punkt kommen, an dem die Altersvorsorge im Hintergrund weiterläuft, während im Vordergrund mehr Spielraum für das Leben heute entsteht: weniger Stunden, ein erfüllenderer, aber schlechter bezahlter Job, eine Auszeit, ein Sabbatical.

Bevor du diesen Spielraum nutzt, solltest du allerdings verstehen, wie fragil die zugrunde liegende Rechnung ist.

Coast FIRE berechnen: Die Formel hinter dem Konzept

Die Coast-FIRE-Rechnung hat zwei Schritte.

Schritt 1: Bestimme dein Zielvermögen. Das ist das Vermögen, das du zum Ruhestand brauchst, um daraus Entnahmen finanzieren zu können. Es ergibt sich aus deinen erwarteten jährlichen Ausgaben im Ruhestand und einer angenommenen Entnahmerate.

Zielvermögen = jährliche Ausgaben im Ruhestand / Entnahmerate

Wer im Ruhestand 30.000 Euro pro Jahr aus dem Depot braucht und mit einer vorsichtigen Entnahmerate von 3,5 Prozent plant, braucht rund 857.000 Euro. Mehr zur Einordnung solcher Entnahmeraten steht im Artikel zur 4-Prozent-Regel.

Schritt 2: Rechne zurück, wie viel du heute brauchst. Hier kommt der Zinseszins ins Spiel. Wenn du weißt, wie viel Zeit bis zum Ruhestand bleibt und welche reale Rendite du annimmst, kannst du das nötige heutige Vermögen berechnen.

Coast-FIRE-Vermögen heute = Zielvermögen / (1 + reale Rendite)^Jahre bis Ruhestand

Ein Rechenbeispiel: Tobias ist 35, will mit 67 in Rente, hat also 32 Jahre Zeit. Sein Zielvermögen sei 800.000 Euro in heutiger Kaufkraft. Er rechnet mit einer realen Rendite von 4,5 Prozent pro Jahr.

800.000 / (1 + 0,045)^32 = 800.000 / 4,07 = rund 197.000 €

Tobias bräuchte heute also etwa 197.000 Euro, damit sein Vermögen bei 4,5 Prozent realer Rendite bis 67 auf 800.000 Euro wächst. Mit seinen aktuellen 150.000 Euro ist er noch nicht ganz am Coast-FIRE-Punkt — aber nah dran.

Ein wichtiger Hinweis zur Rechenlogik: Wir rechnen hier mit realer Rendite, also der Rendite nach Abzug der Inflation. Das hat einen Grund. Wenn du dein Zielvermögen in heutiger Kaufkraft definierst, musst du auch mit einer inflationsbereinigten Rendite zurückrechnen. Sonst vergleichst du heutige Kaufkraft mit zukünftigen Nominalbeträgen — ein häufiger Fehler, der Coast FIRE optimistischer aussehen lässt, als es ist.

Drei Beispielrechnungen: Bist du schon da?

Die folgenden Beispiele zeigen, wie unterschiedlich der Coast-FIRE-Punkt je nach Alter ausfällt. Alle rechnen mit einem Zielvermögen von 800.000 Euro in heutiger Kaufkraft, Ruhestand mit 67 und einer realen Rendite von 4,5 Prozent pro Jahr.

PersonAlterJahre bis 67Nötiges Vermögen heute
Lena3037rund 158.000 €
Tobias3532rund 197.000 €
Markus4522rund 303.000 €

Die Tabelle zeigt einen zentralen Punkt: Zeit ist der größte Hebel bei Coast FIRE. Lena mit 30 braucht für dasselbe Zielvermögen nur rund 158.000 Euro, weil ihr Geld 37 Jahre Zeit hat. Markus mit 45 braucht fast das Doppelte, weil ihm zehn Jahre Zinseszins fehlen.

Das erklärt, warum Coast FIRE vor allem ein Konzept für Menschen ist, die früh angefangen haben zu investieren. Wer mit 30 bereits 158.000 Euro investiert hat, kann theoretisch ab sofort aufhören zu sparen und müsste trotzdem im Ruhestand auf der Zielsumme landen — sofern die Renditeannahme aufgeht.

Und genau dieses „sofern“ ist der Punkt, an dem die einfache Rechnung gefährlich wird.

Der Haken mit der realen Rendite

Die Coast-FIRE-Formel sieht präzise aus. Sie hat aber eine Schwachstelle, die mit der langen Laufzeit dramatisch an Gewicht gewinnt: die Annahme der realen Rendite.

Bei Coast FIRE wirkt diese Annahme über die gesamte Restlaufzeit bis zum Ruhestand — bei Tobias über 32 Jahre. Über so lange Zeiträume macht schon ein kleiner Unterschied in der Annahme einen großen Unterschied im Ergebnis.

Schauen wir, was passiert, wenn Tobias mit unterschiedlichen realen Renditen rechnet. Zielvermögen bleibt 800.000 Euro, Laufzeit 32 Jahre.

Angenommene reale RenditeNötiges Coast-FIRE-Vermögen heuteEinordnung
3,0 %rund 309.000 €vorsichtig
4,0 %rund 228.000 €moderat
4,5 %rund 197.000 €moderat-optimistisch
5,0 %rund 170.000 €optimistisch
6,0 %rund 124.000 €sehr optimistisch

Die Spanne ist enorm. Je nach Annahme liegt der Coast-FIRE-Punkt zwischen rund 124.000 und 309.000 Euro — ein Unterschied von 185.000 Euro, allein durch die Wahl der Renditeannahme.

Das ist der eigentliche Haken. Wer optimistisch mit 6 Prozent realer Rendite rechnet, erklärt sich schon mit 124.000 Euro für „durch“. Wer vorsichtig mit 3 Prozent rechnet, braucht mehr als das Doppelte.

Welche Annahme ist realistisch? Eine ehrliche Antwort lautet: Niemand weiß es. Historisch haben breit gestreute globale Aktien über sehr lange Zeiträume reale Renditen im Bereich von grob 4 bis 6 Prozent geliefert — je nach Zeitraum, Region, Währung, Kosten und Steuern. Aber Vergangenheit ist keine Garantie. Gerade die Annahme der realen Rendite ist heikel, weil sie zwei Unsicherheiten bündelt: die künftige nominale Aktienrendite und die künftige Inflation.

Warum Durchschnittswerte in der Finanzplanung besonders trügerisch sein können, erklären wir im Artikel Warum Durchschnittsrenditen bei ETFs täuschen. Zur Einordnung historischer Aktienrenditen lohnt außerdem der Blick auf die Frage, was 30 Jahre MSCI-World-Daten zeigen — und was nicht.

Für Coast FIRE bedeutet das: Eine vorsichtige Annahme von 3,5 bis 4,5 Prozent real ist ehrlicher als die optimistischen 5 bis 6 Prozent, die in vielen englischsprachigen Coast-FIRE-Rechnern stehen. Wer am unteren Ende plant, baut einen Puffer ein für den Fall, dass die Märkte schwächer laufen als erhofft.

Warum eine einzelne Coast-FIRE-Zahl trügt

Selbst mit einer vorsichtigen Renditeannahme bleibt ein grundsätzliches Problem: Die Coast-FIRE-Formel liefert eine einzelne Zahl. Sie sagt: „Du bist Coast FIRE ab 197.000 Euro.“ Als wäre das eine scharfe Linie. In Wahrheit ist es keine.

Der Grund: Die Formel rechnet mit einer konstanten realen Rendite über die gesamte Laufzeit. In der Realität liefern Kapitalmärkte keine konstante Rendite. Es gibt starke Jahre, schwache Jahre, Crashs und lange Seitwärtsphasen. Eine glatte Hochrechnung mit konstanten 4,5 Prozent ist eine theoretische Konstruktion, kein realistischer Verlauf.

Bei Coast FIRE ist dieser Punkt besonders relevant, und zwar aus einem Grund, der oft übersehen wird: In der Coast-Phase zahlst du nichts mehr ein. Damit fällt ein wichtiger Schutzmechanismus weg, den ein normaler Sparplan hat.

Wer monatlich weiter spart, kauft in schwachen Marktphasen automatisch zu niedrigeren Kursen nach. Schlechte Jahre am Anfang sind für einen Sparplan deshalb teilweise weniger problematisch. Im Coast-Modus gibt es diesen Effekt nicht. Wenn die Märkte in den ersten Jahren nach Erreichen des Coast-FIRE-Punkts schwach laufen, schrumpft das Vermögen — und es kommt kein frisches Kapital nach, das niedrige Kurse nutzen könnte. Das Vermögen muss sich allein aus sich selbst erholen.

Deshalb ist eine ehrliche Coast-FIRE-Aussage nicht: „Du bist ab 197.000 Euro durch.“ Sie lautet eher: „In X Prozent der möglichen Marktverläufe reicht dein heutiges Vermögen, um ohne weitere Sparraten dein Ziel zu erreichen.“

Genau das leistet eine Monte-Carlo-Simulation. Statt einen einzigen glatten Pfad zu rechnen, simuliert sie viele mögliche Verläufe mit unterschiedlichen Renditereihenfolgen. Das Ergebnis ist keine Schwelle, sondern eine Erfolgswahrscheinlichkeit.

Ein vereinfachtes Beispiel macht den Unterschied deutlich. Die einfache Formel sagt Tobias: „Mit 197.000 Euro bist du Coast FIRE.“ Eine Simulation könnte stattdessen zeigen: „Mit deinen aktuellen 150.000 Euro erreichst du dein Ziel in etwa 60 Prozent der simulierten Verläufe ohne weitere Sparrate. Wenn du noch zwei Jahre weiter sparst, steigt diese Erfolgswahrscheinlichkeit auf etwa 75 Prozent.“

Diese zweite Aussage ist unbequemer. Aber sie hilft bei einer echten Entscheidung mehr als eine scheinpräzise Schwelle.

Coast FIRE oder vollständige finanzielle Freiheit?

Coast FIRE wird leicht mit anderen Frührente-Konzepten verwechselt. Die Abgrenzung ist wichtig, weil die finanziellen Anforderungen sehr unterschiedlich sind.

KonzeptWas es bedeutetWas das Vermögen leisten muss
Coast FIREAufhören zu sparen, weiter arbeitenNur bis zum Ruhestand allein weiterwachsen
Vollständige finanzielle FreiheitGanz aufhören zu arbeitenDie kompletten Lebenshaltungskosten ab sofort tragen

Der Unterschied ist groß. Bei Coast FIRE muss dein Vermögen nur den künftigen Ruhestand sichern, während dein laufendes Einkommen weiterhin das Leben bezahlt. Bei vollständiger finanzieller Freiheit muss das Vermögen ab sofort alles tragen.

Konkret: Tobias braucht für Coast FIRE rund 197.000 Euro. Wenn er dagegen sofort komplett ganz aufhören zu arbeiten wollte, bräuchte er bei 3,5 Prozent Entnahmerate und 30.000 Euro Jahresbedarf rund 857.000 Euro — mehr als das Vierfache.

Die Frage, wie viel du für finanzielle Freiheit brauchst, behandeln wir ausführlicher im Artikel Wie viel sparen für finanzielle Freiheit mit 60?.

Coast FIRE ist deshalb für viele Menschen der früher erreichbare und realistischere Meilenstein. Es ist kein Ausstieg, sondern eine Entlastung: Der Sparzwang fällt weg, die Arbeit bleibt — aber freier.

Die Risiken, über die selten gesprochen wird

Coast FIRE klingt nach einem entspannten Zustand. Aber es ist kein Freibrief. Drei Risiken werden in der Begeisterung oft übersehen.

Erstens: Die Renditeannahme kann nicht aufgehen. Das ist das größte Risiko. Wenn du mit 5 Prozent realer Rendite gerechnet hast und über 30 Jahre nur 3,5 Prozent erzielst, verfehlt dein Vermögen das Ziel deutlich. Und anders als in der Ansparphase kannst du das nicht durch frische Sparraten ausgleichen, weil du ja gerade aufgehört hast zu sparen. Wer Coast FIRE ernst nimmt, sollte deshalb regelmäßig prüfen, ob das Vermögen noch auf Kurs ist — und bereit sein, wieder mit dem Sparen zu beginnen, wenn es nötig wird.

Zweitens: Das Einkommen kann wegbrechen. Coast FIRE setzt voraus, dass du weiter genug verdienst, um deine laufenden Kosten zu decken. Wer den Job verliert, krank wird oder unerwartete Ausgaben hat, muss möglicherweise doch ans Depot. Genau das soll Coast FIRE aber verhindern. Ein Notgroschen von mehreren Monatsausgaben bleibt deshalb auch im Coast-Modus Pflicht.

Drittens: Lebensziele ändern sich. Das mit 35 berechnete Zielvermögen basiert auf heutigen Annahmen über das Leben mit 67. Diese Annahmen können sich verschieben — eine Familie, eine Immobilie, ein höherer oder niedrigerer Lebensstandard im Alter. Wer mit 35 den Sparmodus verlässt, sollte das Ziel später noch einmal überprüfen.

Coast FIRE ist also kein „Set and forget“. Es ist eine Entlastung mit Überwachungspflicht. Die ehrliche Version lautet: Du darfst aufhören zu sparen, solange du regelmäßig nachrechnest — und bei Bedarf wieder einsteigst.

Was du mit dem freien Geld machen kannst

Wenn der Sparzwang wegfällt, wird ein relevanter Teil deines Einkommens frei. Was du damit machst, ist eine persönliche Entscheidung. Drei Optionen sind naheliegend.

Mehr Leben heute. Das frei gewordene Geld fließt ins gegenwärtige Leben — Reisen, Hobbys, mehr Spielraum im Alltag. Coast FIRE ist genau dafür gedacht, die Balance zwischen heute und morgen zu verschieben.

Weniger arbeiten. Wenn dein Vermögen die Altersvorsorge schon tragen soll, brauchst du nur noch Einkommen für die laufenden Kosten. Teilzeit, ein Tag weniger pro Woche oder ein erfüllenderer Job mit weniger Gehalt werden finanziell eher tragbar.

Risiko-Puffer aufbauen. Noch eine Weile weiterzusparen, obwohl der rechnerische Punkt erreicht ist, erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit und schafft Puffer für schwache Marktphasen. Streng genommen ist das dann kein reines Coast FIRE mehr — aber es ist die robustere Variante.

In der Praxis wählen viele eine Mischung: etwas mehr Leben heute, etwas weniger arbeiten, einen Teil als Sicherheitsmarge weiter investieren. Das nutzt die Vorteile von Coast FIRE, ohne sich vollständig auf eine einzelne Renditeannahme zu verlassen.

Was dieser Artikel nicht leisten kann

Drei Einschränkungen gehören ehrlich dazu.

Er ersetzt keine individuelle Planung. Ob du Coast FIRE erreicht hast, hängt von Faktoren ab, die ein Artikel nicht abbilden kann: deinem konkreten Zielvermögen, deiner Steuersituation, deinen gesetzlichen Rentenansprüchen, deiner Risikotragfähigkeit und deiner Einkommenssicherheit. Die Formel zeigt eine Größenordnung, keine verbindliche Schwelle.

Er gibt keine Anlageempfehlung. Welche ETFs, welche Aktienquote, welche Allokation zu dir passt, hängt von deiner persönlichen Situation ab. Dieser Artikel diskutiert ein Konzept und seine Mathematik, keine Produkte.

Er garantiert keine Renditen. Die gesamte Coast-FIRE-Logik steht und fällt mit der realen Rendite über Jahrzehnte. Diese Rendite kann niemand garantieren. Alle Zahlen in diesem Artikel sind Modellrechnungen mit angenommenen Werten, keine Prognosen.

FAQ zu Coast FIRE

Was bedeutet Coast FIRE einfach erklärt?

Coast FIRE bedeutet, dass du genug investiert hast, damit dein vorhandenes Vermögen allein durch Zinseszins bis zum Ruhestand auf deine Zielsumme wächst — ohne weitere Sparraten. Du arbeitest weiter, um deine laufenden Kosten zu decken, musst aber nichts mehr für die Altersvorsorge zurücklegen.

Ein Beispiel: Wer mit 35 rund 197.000 Euro investiert hat und mit 4,5 Prozent realer Rendite rechnet, könnte bis 67 rechnerisch auf etwa 800.000 Euro kommen, ohne einen weiteren Euro zu sparen. Die Betonung liegt auf „rechnerisch“. Die tatsächliche Rendite kann abweichen.

Wie berechne ich meinen Coast-FIRE-Punkt?

In zwei Schritten. Erstens: Bestimme dein Zielvermögen, indem du deine jährlichen Ausgaben im Ruhestand durch deine angenommene Entnahmerate teilst. Bei 30.000 Euro Jahresbedarf und 3,5 Prozent Entnahmerate sind das rund 857.000 Euro.

Zweitens: Teile das Zielvermögen durch (1 + reale Rendite) hoch Jahre bis Ruhestand. Bei 32 Jahren und 4,5 Prozent realer Rendite ergibt das einen Coast-FIRE-Punkt von rund 197.000 Euro heute. Wichtig: Rechne mit realer, also inflationsbereinigter Rendite, wenn dein Zielvermögen in heutiger Kaufkraft definiert ist.

Was ist der Unterschied zwischen Coast FIRE und normaler finanzieller Freiheit?

Bei Coast FIRE muss dein Vermögen nur bis zum Ruhestand von allein weiterwachsen — dein laufendes Einkommen bezahlt weiterhin das Leben. Bei vollständiger finanzieller Freiheit muss das Vermögen ab sofort die gesamten Lebenshaltungskosten tragen.

Der Unterschied ist erheblich: Wer mit 35 rund 197.000 Euro für Coast FIRE braucht, bräuchte für vollständige finanzielle Freiheit beim gleichen Lebensstandard eher 857.000 Euro — mehr als das Vierfache. Coast FIRE ist deshalb der deutlich früher erreichbare Meilenstein.

Welche Rendite sollte ich für die Coast-FIRE-Berechnung annehmen?

Vorsichtiger, als viele einfache Rechner nahelegen. Manche Coast-FIRE-Rechner arbeiten mit 5 bis 7 Prozent realer Rendite. Das kann über 30 Jahre sehr optimistisch sein.

Historisch lagen die realen Renditen breit gestreuter globaler Aktien über sehr lange Zeiträume grob bei 4 bis 6 Prozent, je nach Zeitraum, Kosten und Steuern. Für eine vorsichtige Planung sind 3,5 bis 4,5 Prozent real oft näher an einer robusten Annahme. Der Unterschied ist groß: Bei einem Zielvermögen von 800.000 Euro und 32 Jahren Laufzeit liegt der Coast-FIRE-Punkt bei 3 Prozent realer Rendite rund 185.000 Euro höher als bei 6 Prozent.

Ist Coast FIRE in Deutschland mit Steuern überhaupt realistisch?

Ja, aber Steuern reduzieren die effektive Rendite und sollten nicht ignoriert werden. In Deutschland können auf Ausschüttungen, realisierte Kursgewinne und Vorabpauschalen Steuern anfallen. Das senkt die reale Nachsteuer-Rendite gegenüber einer Bruttorendite.

Wer in der Coast-FIRE-Rechnung mit einer Bruttorendite plant, überschätzt das Ergebnis. Eine vorsichtige reale Renditeannahme kann Steuern und Kosten grob abfedern, ersetzt aber keine echte Nachsteuer-Rechnung. Wer genauer planen will, sollte Rendite, TER, Inflation und steuerliche Effekte getrennt betrachten.

Was passiert, wenn die Märkte schlechter laufen als angenommen?

Dann verfehlt dein Vermögen möglicherweise das Ziel. Anders als in der Ansparphase kannst du das nicht durch frische Sparraten zu niedrigen Kursen ausgleichen, weil du im Coast-Modus nicht mehr einzahlst.

Das ist das zentrale Risiko von Coast FIRE. Deshalb ist es wichtig, regelmäßig zu prüfen, ob das Vermögen noch auf Kurs ist, und bereit zu sein, wieder mit dem Sparen zu beginnen. Eine Simulation, die nicht nur einen glatten Pfad rechnet, sondern viele mögliche Verläufe, zeigt diese Unsicherheit als Erfolgswahrscheinlichkeit — und damit ehrlicher als eine einzelne Schwelle.

Coast FIRE mit eigenen Annahmen durchrechnen

FONDR rechnet deinen Coast-FIRE-Plan nicht als glatte Linie, sondern mit 10.000 Monte-Carlo-Simulationen auf Basis deiner eigenen Zahlen. Du kannst unter Ziele festlegen, welches Vermögensziel du erreichen willst, und in der Analyse sehen, wie robust dein Plan unter unterschiedlichen Marktverläufen ist. Die methodische Grundlage ist auf der Methodik-Seite im Detail beschrieben.

Fazit

Coast FIRE ist ein nützliches Konzept. Es macht einen wichtigen Meilenstein sichtbar: den Punkt, an dem die Altersvorsorge rechnerisch durchfinanziert ist und der Sparzwang wegfällt. Für viele Menschen, die früh konsequent investiert haben, ist dieser Punkt deutlich früher erreichbar als vollständige finanzielle Freiheit.

Aber die populäre Coast-FIRE-Rechnung hat eine Schwäche, die mit der langen Laufzeit wächst: Sie beruht auf einer konstanten realen Renditeannahme über Jahrzehnte. Schon ein kleiner Unterschied in dieser Annahme verschiebt den Coast-FIRE-Punkt um hunderttausend Euro oder mehr. Und weil im Coast-Modus keine neuen Sparraten nachkommen, fehlt der Schutzmechanismus, den ein laufender Sparplan in schwachen Marktphasen hat.

Die ehrliche Version von Coast FIRE ist deshalb keine scharfe Schwelle, sondern eine Erfolgswahrscheinlichkeit. Nicht: „Du bist Coast FIRE ab 197.000 Euro.“ Sondern: „In so und so vielen möglichen Marktverläufen reicht dein heutiges Vermögen, um ohne weitere Sparraten dein Ziel zu erreichen.“

Wer Coast FIRE so versteht — als Wahrscheinlichkeitsbereich mit Überwachungspflicht statt als festen Punkt — kann das Konzept klug nutzen. Es darf der Anlass sein, den Sparmodus zu lockern und mehr vom Leben heute zu haben. Es sollte nur nie mit einer Garantie verwechselt werden.

Tobias mit seinen 150.000 Euro ist also nicht einfach „Coast FIRE oder nicht“. Er ist es mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit — und diese Wahrscheinlichkeit kann er erhöhen, indem er noch eine Weile weiterspart oder vorsichtiger plant. Das ist weniger griffig als eine einzelne Zahl. Aber es ist die ehrlichere Grundlage für eine Entscheidung, die sein nächstes Jahrzehnt prägt.

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