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ETF-Entnahmeplan: Was Rechner dir nicht zeigen

ETF-Entnahmeplan richtig planen: Warum konstante Renditen täuschen und wie du deine Entnahme mit Erfolgswahrscheinlichkeit statt Punktprognose prüfst.

RJ
von Redaktion JK/DT

Das Depot steht, der Ruhestand rückt näher, und die Frage wird konkret: Wie viel kann ich monatlich entnehmen — und wie lange trägt das? Wer diese Frage in einen Entnahmeplan-Rechner eingibt, bekommt eine erstaunlich präzise Antwort. 500.000 Euro, 2.000 Euro Entnahme pro Monat, 5 Prozent Rendite: "Ihr Depot reicht über 30 Jahre, Restvermögen 566.000 Euro."

Diese Zahl fühlt sich verlässlich an. Sie ist es nicht. Nicht weil der Rechner falsch rechnet — die Mathematik stimmt. Sondern weil er eine Annahme trifft, die in der Entnahmephase gefährlicher ist als in jeder anderen Phase des Vermögensaufbaus: dass die Rendite jedes Jahr gleich ausfällt. Dieselben 500.000 Euro mit derselben Durchschnittsrendite können real nach 24 Jahren aufgebraucht sein — oder auf über 900.000 Euro anwachsen. Der Unterschied liegt allein in der Reihenfolge der Jahre.

Dieser Artikel zeigt, was ein ETF-Entnahmeplan ist, was klassische Rechner systematisch ausblenden und wie du deine Entnahme so planst, dass sie auch schlechte Verläufe übersteht.

Dieser Artikel ist keine Anlageberatung und keine Empfehlung für oder gegen ein konkretes Produkt oder eine konkrete Strategie. Die Beispielrechnungen dienen der Veranschaulichung.

Kurz erklärt: Ein ETF-Entnahmeplan legt fest, wie viel Geld regelmäßig aus einem ETF-Depot entnommen wird — meist zur Finanzierung des Ruhestands. Entscheidend ist: Bei identischer Durchschnittsrendite von 5 Prozent kann ein 500.000-Euro-Depot mit 2.000 Euro Monatsentnahme nach 24 Jahren erschöpft sein oder auf 920.000 Euro wachsen — je nachdem, ob die schwachen Börsenjahre am Anfang oder am Ende liegen.

Was ein ETF-Entnahmeplan ist — und was ihn vom Sparplan unterscheidet

Ein Entnahmeplan ist die Umkehrung des Sparplans: Statt regelmäßig Anteile zu kaufen, verkaufst du regelmäßig Anteile, um daraus laufendes Einkommen zu erzeugen. Technisch bieten viele Broker dafür automatisierte Auszahlpläne an; wer keinen hat, verkauft manuell in festen Abständen.

Die Mechanik ist symmetrisch, das Risiko ist es nicht. In der Ansparphase sind schwache Börsenjahre am Anfang harmlos — sie können sogar nützlich sein, weil neue Sparraten zu niedrigen Kursen einkaufen. In der Entnahmephase kehrt sich das um: Wer in schwachen Jahren Anteile verkaufen muss, verkauft mehr Anteile für denselben Euro-Betrag. Diese Anteile fehlen dauerhaft, wenn sich der Markt erholt. Ein schwacher Start kann einen Entnahmeplan deshalb dauerhaft beschädigen, selbst wenn die Folgejahre stark sind. Dieses Phänomen — das Sequence-of-Returns-Risiko — ist der wichtigste Unterschied zwischen Anspar- und Entnahmephase, und es ist der Grund, warum die Planung der Entnahme mehr verlangt als die Umkehrung der Sparplan-Logik.

Wie Entnahmeplan-Rechner rechnen — und was sie ausblenden

Entnahmeplan-Rechner sind ein guter Startpunkt. Sie machen die Größenordnung sichtbar: Wie verhalten sich Depotwert, Entnahmehöhe und Zeithorizont zueinander? Für diese erste Orientierung sind sie nützlich.

Aber sie beantworten die falsche Frage. Fast alle Rechner arbeiten deterministisch: Sie nehmen eine konstante Rendite an — zum Beispiel 5 Prozent, jedes Jahr, dreißig Jahre lang — und rechnen daraus einen einzigen glatten Verlauf. Dabei fallen drei Dinge unter den Tisch.

Erstens die Schwankung und ihre Reihenfolge. Kein Markt liefert jedes Jahr dieselbe Rendite. Es gibt Crashs, Erholungen, Seitwärtsphasen. Und in der Entnahmephase entscheidet nicht nur, wie hoch die Rendite im Durchschnitt ist, sondern wann die schwachen Jahre kommen. Ein deterministischer Rechner kann diesen Effekt prinzipiell nicht abbilden — in seiner Welt gibt es keine Reihenfolge, weil jedes Jahr gleich ist.

Zweitens die Inflation als Bandbreite. Wenn Rechner Inflation überhaupt berücksichtigen, dann als Konstante — meist 2 Prozent. Real schwankt die Inflation, und Phasen mit 4 oder 5 Prozent treffen eine fixe Entnahme empfindlich. Auch das ist keine Konstante, sondern eine Unsicherheit.

Drittens fehlt jede Aussage zur Eintrittswahrscheinlichkeit. Das Ergebnis "reicht 30 Jahre, Restvermögen 566.000 Euro" ist eine Punktprognose. Sie sagt nicht, wie wahrscheinlich dieses Ergebnis ist — und vor allem nicht, wie wahrscheinlich es ist, dass der Plan scheitert. Für eine Entscheidung, die den Lebensabend trägt, ist genau diese Wahrscheinlichkeit die relevante Information.

Der methodische Ausweg ist, statt eines Verlaufs viele mögliche Verläufe zu rechnen — mit schwankenden Renditen in wechselnder Reihenfolge. Warum diese Simulation grundsätzlich ehrlicher ist als jede Hochrechnung mit Durchschnittswerten, erklärt unser Leitfaden zur Monte-Carlo-Simulation.

Rechenbeispiel: Gleicher Durchschnitt, zwei Verläufe

Wie groß der Reihenfolge-Effekt ist, zeigt ein bewusst einfaches Beispiel. Die Annahmen: 500.000 Euro Startvermögen, 2.000 Euro Entnahme pro Monat (24.000 Euro pro Jahr, jeweils zum Jahresende), 30 Jahre Horizont, keine Inflationsanpassung der Entnahme — um den Reihenfolge-Effekt isoliert zu zeigen.

Beide Szenarien haben exakt dieselbe arithmetische Durchschnittsrendite von 5,0 Prozent pro Jahr. Der einzige Unterschied: In Szenario A kommen zehn schwache Jahre (−2 Prozent p. a.) zuerst, dann zwanzig starke (+8,5 Prozent p. a.). In Szenario B ist die Reihenfolge umgekehrt.

VerlaufDurchschnittsrenditeErgebnis nach 30 Jahren
Deterministischer Rechner (konstant 5 %)5,0 %566.000 € Restvermögen
Szenario A: schwache Jahre zuerst5,0 %Depot im Jahr 24 erschöpft
Szenario B: starke Jahre zuerst5,0 %920.000 € Restvermögen

Drei Verläufe, dieselbe Durchschnittsrendite, drei völlig verschiedene Ergebnisse. Der Rechner meldet einen komfortablen Erfolg. Szenario A ist ein gescheiterter Ruhestandsplan — das Geld ist sechs Jahre vor Planende aufgebraucht. Szenario B fast eine Verdopplung.

Wichtig: Keines dieser drei Ergebnisse ist "die richtige Antwort". Alle drei sind mögliche Verläufe unter derselben Durchschnittsannahme. Genau deshalb ist die ehrliche Darstellung einer Entnahmeplanung keine Linie, sondern eine Bandbreite: Was passiert in den schwachen 10 Prozent der Verläufe, was im mittleren, was in den starken? Wie diese Perzentile richtig zu lesen sind, haben wir separat aufgeschrieben. Für die Entnahmeplanung zählt vor allem der untere Rand: Ein Plan, der nur im Mittel funktioniert, ist kein robuster Plan.

Die Entnahmerate: Warum 4 % keine Naturkonstante ist

Der zweite große Hebel neben der Reihenfolge ist die Entnahmerate — der Anteil des Depots, den du im ersten Jahr entnimmst. Im Beispiel oben waren es 4,8 Prozent, und Szenario A zeigt, dass das bei schwachem Start zu viel sein kann.

Die bekannteste Faustformel ist die 4-Prozent-Regel. Sie stammt aus historischen US-Daten mit 30-Jahres-Horizont und ist als Orientierung nützlich, als Planungsgrundlage für deutsche Anleger aber zu optimistisch — wegen längerer Entnahmephasen, deutscher Steuern und globaler statt US-Renditen. Die Herleitung und die Kritik im Detail stehen im Artikel zur 4-Prozent-Regel; für die meisten Planungen sind 3,0 bis 3,5 Prozent die ehrlichere Größenordnung.

Ein Ausblick, der die Robustheit deutlich erhöht: flexible Entnahmen. Wer bereit ist, in schwachen Marktjahren die Entnahme leicht zu reduzieren oder den Inflationsausgleich auszusetzen, entlastet das Depot genau dann, wenn es am verwundbarsten ist — das wirkt stärker als jede Renditeoptimierung.

Entnahmeplan in vier Schritten aufsetzen

Schritt 1: Zielentnahme und Horizont definieren. Wie viel brauchst du monatlich aus dem Depot — nach Abzug von gesetzlicher Rente, Betriebsrente und anderen Einkünften? Und über welchen Zeitraum? Wer mit 65 startet, sollte eher mit 30 als mit 25 Jahren planen; wer früher aufhört, entsprechend länger.

Schritt 2: Depotstruktur prüfen. Ein Depot, das in der Entnahmephase zu 100 Prozent in Aktien steht, maximiert den Reihenfolge-Effekt. Ein Puffer aus Anleihen oder Cash für zwei bis drei Jahresentnahmen erlaubt es, in Crashjahren nicht verkaufen zu müssen. Welche Aufteilung zwischen Aktien, Anleihen und Cash zu welcher Lebensphase passt, haben wir separat durchgespielt. Zur Steuerseite genügt hier ein Satz: Auf Entnahmen fällt Kapitalertragsteuer auf die Gewinne an, und thesaurierende ETFs unterliegen der Vorabpauschale — beides gehört in die Netto-Rechnung der Zielentnahme.

Schritt 3: Erfolgswahrscheinlichkeit statt Punktprognose prüfen. Das ist der Schritt, den die meisten überspringen. Nicht fragen: "Reicht das Depot bei 5 Prozent Rendite?" Sondern: "In wie vielen möglichen Verläufen trägt das Depot die geplante Entnahme über den Zeitraum?" Eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 90 Prozent bedeutet etwas fundamental anderes als eine glatte Linie, die zufällig bis 95 reicht.

Schritt 4: Jährlich nachjustieren. Ein Entnahmeplan ist keine einmalige Entscheidung. Einmal im Jahr prüfen: Wie hat sich das Depot entwickelt, wie die Ausgaben, wie die Inflation? Nach starken Jahren kann die Entnahme steigen, nach schwachen sollte sie eher stabil bleiben oder sinken. Diese eingebaute Flexibilität ist der wirksamste Schutz gegen das Reihenfolge-Risiko.

Die Frage, die dein Entnahmeplan beantworten muss

Ein Entnahmeplan-Rechner beantwortet die Frage: "Wie lange reicht mein Geld bei konstanter Rendite?" Die Frage, die dein Ruhestand tatsächlich stellt, lautet: "Mit welcher Erfolgswahrscheinlichkeit trägt mein Depot die geplante Entnahme — auch wenn die schwachen Jahre zuerst kommen?"

Genau diese Frage beantwortet FONDR: Statt einer Linie rechnet FONDR deinen Plan über viele mögliche Marktverläufe und zeigt die Erfolgswahrscheinlichkeit — und wie sie sich verändert, wenn du die Entnahme, den Horizont oder die Depotstruktur anpasst. Die methodischen Annahmen dahinter stehen transparent in unserer Methodik.

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FAQ zum ETF-Entnahmeplan

Wie berechne ich einen ETF-Entnahmeplan?

Die Grundrechnung hat drei Größen: Depotwert, monatliche Entnahme und Zeithorizont. Als erste Orientierung: Multipliziere deine gewünschte Jahresentnahme mit 28 bis 33 — das ist das Depot, das du bei einer vorsichtigen Entnahmerate von 3,0 bis 3,5 Prozent brauchst. Für 24.000 Euro Jahresentnahme also rund 700.000 bis 800.000 Euro. Ein deterministischer Rechner verfeinert diese Überschlagsrechnung, ersetzt aber nicht die entscheidende Prüfung: ob der Plan auch bei ungünstiger Renditereihenfolge trägt. Dafür braucht es eine Simulation über viele mögliche Verläufe statt einer konstanten Rendite.

Wie viel kann ich monatlich aus meinem ETF-Depot entnehmen?

Als vorsichtige Faustregel: 3,0 bis 3,5 Prozent des Depotwerts pro Jahr, durch zwölf geteilt. Bei 500.000 Euro sind das rund 1.250 bis 1.450 Euro monatlich. Höhere Entnahmen sind möglich, erhöhen aber das Risiko, dass das Depot bei schwachem Start vorzeitig erschöpft ist — im Rechenbeispiel dieses Artikels scheiterte eine Entnahme von 4,8 Prozent (2.000 Euro monatlich aus 500.000 Euro) bereits im Jahr 24, obwohl die Durchschnittsrendite bei 5 Prozent lag. Wer flexibel bleiben kann und in schwachen Jahren reduziert, kann näher an das obere Ende gehen.

Was ist der Unterschied zwischen Entnahmeplan und Auszahlplan?

Inhaltlich meinen beide Begriffe dasselbe: die regelmäßige Entnahme aus einem Depot. "Auszahlplan" bezeichnet meist das technische Produkt beim Broker — den automatisierten regelmäßigen Verkauf von Fondsanteilen mit Überweisung aufs Konto. "Entnahmeplan" ist der umfassendere Planungsbegriff: Er schließt die Fragen ein, wie hoch die Entnahme sein darf, wie das Depot strukturiert sein sollte und mit welcher Wahrscheinlichkeit der Plan über den gesamten Zeitraum trägt. Ein Auszahlplan ohne Entnahmeplanung ist Technik ohne Strategie.

Wie lange reicht mein ETF-Depot bei 1.500 € Entnahme im Monat?

Das hängt vom Depotwert und vom Verlauf ab — eine einzelne Zahl wäre eine Scheinpräzision. Die Größenordnung: 1.500 Euro monatlich sind 18.000 Euro pro Jahr. Bei 500.000 Euro Depot entspricht das einer vorsichtigen Entnahmerate von 3,6 Prozent — in unserem Beispielszenario mit schwachem Start trägt das Depot die vollen 30 Jahre und behält Restvermögen. Bei 400.000 Euro (4,5 Prozent Rate) war dasselbe Szenario im Jahr 28 erschöpft, bei 300.000 Euro (6,0 Prozent) bereits im Jahr 16. Die Frage ist also weniger "wie lange reicht es im Durchschnitt", sondern "trägt es auch, wenn die ersten Jahre schlecht laufen".

Sind Entnahmeplan-Rechner zuverlässig?

Als Startpunkt ja, als Entscheidungsgrundlage nein. Die Rechner rechnen korrekt — aber mit einer konstanten Rendite, die es an realen Märkten nicht gibt. Damit blenden sie das größte Risiko der Entnahmephase aus: die Reihenfolge der Renditen. Zwei Verläufe mit identischem Durchschnitt können im Ergebnis um Hunderttausende Euro auseinanderliegen. Nutze Rechner für die Größenordnung, aber prüfe die Robustheit deines Plans mit einer Methode, die viele mögliche Verläufe rechnet und eine Erfolgswahrscheinlichkeit ausweist statt einer einzelnen Linie.

Zusammenfassung

  1. Die Entnahmephase hat ein asymmetrisches Risiko. Schwache Jahre am Anfang beschädigen einen Entnahmeplan dauerhaft, weil verkaufte Anteile bei der Erholung fehlen. In der Ansparphase existiert dieses Problem nicht in dieser Schärfe.

  2. Deterministische Rechner blenden genau dieses Risiko aus. Konstante Rendite heißt: keine Reihenfolge, keine Bandbreite, keine Aussage zur Wahrscheinlichkeit. Im Beispiel meldet der Rechner 566.000 Euro Restvermögen — während derselbe Plan bei schwachem Start im Jahr 24 scheitert.

  3. Die richtige Prüfgröße ist die Erfolgswahrscheinlichkeit. Nicht "wie lange reicht das Geld bei X Prozent", sondern "in wie vielen möglichen Verläufen trägt das Depot die Entnahme". Dazu gehören eine vorsichtige Entnahmerate (3,0 bis 3,5 Prozent), ein Puffer in der Depotstruktur und die Bereitschaft, jährlich nachzujustieren.

Ein Entnahmeplan ist kein Rechenergebnis, sondern ein Plan mit Überwachung. Wer ihn auf eine Bandbreite statt auf eine Linie baut, hat deutlich bessere Chancen, dass das Depot so lange trägt wie der Ruhestand dauert.

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